Allgemeine Psychologie I behandelt die grundlegenden psychischen Funktionen, die bei allen Menschen gleich aufgebaut sind: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Emotion und Motivation. Anders als die Differentielle Psychologie fragt sie nicht, worin sich Menschen unterscheiden, sondern wie der Apparat grundsätzlich funktioniert. Genau diese Abgrenzung ist der erste Punkt, den du sicher beherrschen solltest.
Wahrnehmung: vom Reiz zur Bedeutung
Wahrnehmung ist kein Abbild der Welt, sondern ein Konstruktionsprozess. Der Reiz trifft auf Rezeptoren (Transduktion), wird in neuronale Signale übersetzt, gefiltert, gruppiert und schließlich interpretiert. Zwei Verarbeitungsrichtungen wirken dabei zusammen:
- Bottom-up – datengetrieben, vom Reizmaterial ausgehend. Beispiel: Kanten und Kontraste im Bild.
- Top-down – wissensgetrieben, von Erwartungen und Kontext gesteuert. Beispiel: Ein unleserliches Wort wird aus dem Satzzusammenhang ergänzt.
Die Gestaltgesetze (Nähe, Ähnlichkeit, Geschlossenheit, gute Fortsetzung, gemeinsames Schicksal) beschreiben, nach welchen Regeln Einzelelemente zu Einheiten zusammengefasst werden. In Klausuren werden sie fast immer an Abbildungen abgefragt – lerne sie deshalb nicht als Definitionsliste, sondern anhand eigener Beispiele.
Aufmerksamkeit: das Nadelöhr
Aufmerksamkeit ist die Zuteilung begrenzter Verarbeitungsressourcen. Klassisch unterscheidet man selektive Aufmerksamkeit (Fokus auf einen Kanal), geteilte Aufmerksamkeit (mehrere Aufgaben gleichzeitig) und Daueraufmerksamkeit (Vigilanz). Die Filtermodelle bauen aufeinander auf: frühe Selektion nach Broadbent, abgeschwächte Filterung nach Treisman, späte Selektion nach Deutsch und Deutsch. Wer diese Reihenfolge und das jeweilige Kernargument kennt, kann die typische Vergleichsfrage sicher beantworten.
Lernen: Assoziation und Konsequenz
| Lernform | Kernprinzip | Schlüsselbegriffe |
|---|---|---|
| Klassische Konditionierung | Reiz-Reiz-Verknüpfung | UCS, UCR, CS, CR, Extinktion, Generalisierung |
| Operante Konditionierung | Verhalten-Konsequenz-Verknüpfung | Positive/negative Verstärkung, Bestrafung, Verstärkerpläne |
| Beobachtungslernen | Modellverhalten und dessen Konsequenzen | Aufmerksamkeit, Behalten, Reproduktion, Motivation |
Der häufigste Fehler: negative Verstärkung mit Bestrafung zu verwechseln. Negative Verstärkung erhöht die Auftretenswahrscheinlichkeit, weil ein aversiver Reiz wegfällt. Bestrafung senkt sie. Merke dir: Positiv und negativ beschreiben nur, ob etwas hinzukommt oder wegfällt – Verstärkung und Bestrafung, ob das Verhalten häufiger oder seltener wird. Diese Vier-Felder-Logik lohnt sich als eigene Skizze auf einer Karteikarte.
Gedächtnis: Speicher und Prozesse
Das Mehrspeichermodell (sensorisches Register, Kurzzeitgedächtnis, Langzeitgedächtnis) ist der Einstieg, das Arbeitsgedächtnismodell mit phonologischer Schleife, visuell-räumlichem Notizblock, zentraler Exekutive und episodischem Puffer die Weiterentwicklung. Im Langzeitgedächtnis trennst du deklaratives Wissen (episodisch und semantisch) von prozeduralem Wissen. Prüfungsrelevant sind zusätzlich die drei Prozesse Enkodierung, Speicherung und Abruf sowie die Erklärungen des Vergessens: Zerfall, Interferenz (proaktiv und retroaktiv) und Abrufversagen. Vertieft findest du diese Struktur mit Übungsfragen im Lernskript Allgemeine Psychologie I.
Emotion und Motivation
Bei den Emotionstheorien geht es um die Reihenfolge von Reiz, körperlicher Reaktion und Erleben. James-Lange setzt die Körperreaktion vor das Gefühl, Cannon-Bard nimmt Gleichzeitigkeit an, die Zwei-Faktoren-Theorie von Schachter und Singer kombiniert Erregung mit kognitiver Bewertung, und die Appraisal-Theorien stellen die Bewertung ins Zentrum. Eine Tabelle mit drei Spalten – Theorie, Reihenfolge, Kernexperiment – ist hier effizienter als jeder Fließtext.
In der Motivationspsychologie gehören die Unterscheidung intrinsisch/extrinsisch, das Risikowahl-Modell der Leistungsmotivation und die Selbstbestimmungstheorie mit den Grundbedürfnissen Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit zum Standardstoff.
Wie du die Fächer auseinanderhältst
Allgemeine Psychologie I und II werden regelmäßig verwechselt. Faustregel: Teil I behandelt die eingehende Verarbeitung und die energetisierenden Prozesse – Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Emotion, Motivation. Teil II behandelt die höheren kognitiven Leistungen, also Denken, Sprache, Problemlösen und Entscheiden; einen Überblick dazu gibt der Beitrag Allgemeine Psychologie II verständlich erklärt. Wie sich die biologische Ebene darunter legt – Neurone, Transmitter, Hirnareale –, deckt das Skript Biologische Psychologie ab. Wenn du alle Bachelor-Module zusammen bearbeiten möchtest, ist das Komplettpaket Psychologie-Bachelor der direkte Weg.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Allgemeiner Psychologie I und II?
Allgemeine Psychologie I behandelt Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Emotion und Motivation. Allgemeine Psychologie II widmet sich den höheren kognitiven Funktionen: Denken, Sprache, Problemlösen und Entscheiden. Beide fragen nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, nicht nach individuellen Unterschieden.
Worin unterscheiden sich negative Verstärkung und Bestrafung?
Negative Verstärkung erhöht die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens, weil ein unangenehmer Reiz entfällt. Bestrafung senkt die Auftretenswahrscheinlichkeit. Positiv und negativ beschreiben nur, ob ein Reiz hinzukommt oder wegfällt.
Welche Gedächtnismodelle muss ich kennen?
Das Mehrspeichermodell mit sensorischem Register, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis sowie das Arbeitsgedächtnismodell mit phonologischer Schleife, visuell-räumlichem Notizblock, zentraler Exekutive und episodischem Puffer. Dazu die Unterscheidung von deklarativem und prozeduralem Wissen.
Wie lerne ich die Emotionstheorien am besten?
Über die Reihenfolge von Reiz, körperlicher Reaktion und Erleben. Lege eine Tabelle mit Theorie, angenommener Reihenfolge und zugehörigem Kernexperiment an. Damit lassen sich James-Lange, Cannon-Bard, die Zwei-Faktoren-Theorie und Appraisal-Ansätze klar unterscheiden.