Theory of Mind: False-Belief-Aufgaben und ihre Entwicklung
Ab wann verstehen Kinder, dass andere etwas Falsches glauben können? Die klassischen False-Belief-Aufgaben, die Debatte um frühe implizite Befunde und was du in der Entwicklungspsychologie-Klausur dazu wissen musst.
Theory of Mind bezeichnet die Fähigkeit, sich selbst und anderen mentale Zustände zuzuschreiben, also Wünsche, Absichten, Wissen und Überzeugungen. Der Begriff geht auf Premack und Woodruff (1978) zurück, die ihn ursprünglich für Schimpansen verwendeten. In der Entwicklungspsychologie steht vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Ab wann verstehen Kinder, dass andere Menschen etwas glauben können, das nicht stimmt?
Die klassischen False-Belief-Aufgaben
Die Maxi-Aufgabe
Wimmer und Perner (1983) erzählten Kindern eine Geschichte: Maxi legt Schokolade in einen Schrank und geht hinaus. Während er weg ist, legt seine Mutter die Schokolade in einen anderen Schrank. Frage: Wo wird Maxi nach der Schokolade suchen? Wer Theory of Mind hat, antwortet „im ersten Schrank“, weil Maxi den Ortswechsel nicht gesehen hat.
Der Sally-Anne-Test
Baron-Cohen, Leslie und Frith (1985) setzten dasselbe Prinzip mit zwei Puppen um. Sally legt eine Murmel in einen Korb und geht. Anne legt die Murmel in eine Schachtel. Wo sucht Sally?
Die Smarties-Aufgabe
Kindern wird eine Smarties-Packung gezeigt, die in Wahrheit Stifte enthält. Danach werden sie gefragt, was ein anderes Kind, das die Packung noch nicht geöffnet hat, darin vermuten wird. Viele jüngere Kinder sagen „Stifte“ und geben oft auch an, sie selbst hätten von Anfang an Stifte erwartet.
Der Entwicklungsverlauf
| Alter (ungefähr) | Fähigkeit |
|---|---|
| 9 bis 12 Monate | Geteilte Aufmerksamkeit, Zeigegesten |
| ab etwa 18 Monaten | Symbolspiel, Verstehen, dass andere andere Vorlieben haben können |
| etwa 4 Jahre | Lösen expliziter False-Belief-Aufgaben erster Ordnung |
| etwa 6 bis 7 Jahre | Falsche Überzeugungen zweiter Ordnung: „Er glaubt, dass sie glaubt …“ |
Die Altersangaben sind Durchschnittswerte. Sprachkompetenz und die Anzahl älterer Geschwister hängen mit einem früheren Lösen der Aufgaben zusammen.
Die Debatte um implizite Befunde
Onishi und Baillargeon (2005) zeigten mit einem Blickzeitparadigma, dass bereits 15 Monate alte Kinder länger hinschauen, wenn eine Person entgegen ihrer falschen Überzeugung handelt. Das wurde als Hinweis auf ein frühes, implizites Verständnis gedeutet. Einige dieser Befunde ließen sich später nicht zuverlässig replizieren. In Klausuren ist es deshalb sinnvoll, die Studien zu kennen und die offene Debatte zu erwähnen.
Erklärungsansätze
- Theorie-Theorie: Kinder entwickeln eine Art Alltagstheorie über den Geist, die sie mit neuen Erfahrungen überarbeiten.
- Simulationstheorie: Kinder verstehen andere, indem sie sich in deren Lage hineinversetzen und ihr eigenes Erleben simulieren.
- Modularitätsansatz: Ein angelegtes Modul reift heran und ermöglicht das Verstehen mentaler Zustände.
Theory of Mind und Autismus
Baron-Cohen und Kollegen fanden, dass viele autistische Kinder die Sally-Anne-Aufgabe nicht lösten. Daraus entstand die Annahme einer „Mindblindness“. Heute gilt diese Erklärung als zu einfach, weil sie nicht alle Merkmale von Autismus erfasst und viele autistische Menschen solche Aufgaben lösen. In einer Klausurantwort solltest du diese Einschränkung nennen.
Weiterlernen
Theorien, Phasen und kognitive Entwicklung erklärt das Skript Entwicklungspsychologie. Im Prüfungspaket Grundlagenfächer bekommst du es zusammen mit Persönlichkeits- und Pädagogischer Psychologie. Zum Thema Bindung passt der Artikel Bindungstypen nach Ainsworth.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter haben Kinder eine Theory of Mind?
Explizite False-Belief-Aufgaben lösen die meisten Kinder mit etwa vier Jahren. Vorläuferfähigkeiten wie geteilte Aufmerksamkeit zeigen sich deutlich früher.
Was ist eine falsche Überzeugung zweiter Ordnung?
Das Verständnis, dass eine Person eine falsche Annahme darüber haben kann, was eine andere Person glaubt. Diese Aufgaben werden meist erst mit sechs bis sieben Jahren gelöst.
Ist Theory of Mind dasselbe wie Empathie?
Nein. Theory of Mind betrifft das Verstehen mentaler Zustände. Empathie umfasst zusätzlich das Mitfühlen. Beides hängt zusammen, lässt sich aber getrennt messen.
Häufige Fragen
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