In Klausuren zur Klinischen Psychologie gibt es häufig Aufgaben wie: „Lesen Sie die folgende Fallbeschreibung. Welche Diagnose vergeben Sie? Begründen Sie Ihre Entscheidung.“ Viele verlieren hier Punkte, obwohl sie die Störungsbilder kennen, weil sie direkt eine Diagnose hinschreiben, statt systematisch vorzugehen. Bewertet wird meist der Weg zur Diagnose, nicht nur das Ergebnis.
Schritt 1: Leitsymptome markieren
Lies die Vignette zweimal. Beim zweiten Lesen markierst du alles, was ein Symptom, eine Beeinträchtigung oder ein Zeitmerkmal sein könnte. Schreib die Symptome in Fachsprache an den Rand, zum Beispiel „Antriebsminderung“ statt „kommt morgens nicht aus dem Bett“.
Schritt 2: Dauer, Verlauf und Beeinträchtigung prüfen
Viele Diagnosen setzen eine Mindestdauer voraus. Achte auf Angaben wie „seit drei Monaten“ oder „seit dem Umzug“. Prüfe auch, ob eine bedeutsame Beeinträchtigung in Beruf, Ausbildung oder sozialem Leben beschrieben ist. Ohne Leidensdruck oder Beeinträchtigung wird meist keine Diagnose vergeben.
Schritt 3: Diagnostische Hypothesen bilden
Ordne die Symptome den passenden Störungsgruppen zu und nenne eine Hauptdiagnose. Gleiche dann die Kriterien der ICD-11 oder des DSM-5 einzeln mit der Vignette ab. Schreib auf, welche Kriterien erfüllt sind und wo die Vignette keine Angaben macht.
Schritt 4: Differenzialdiagnosen ausschließen
Hier liegen die meisten Zusatzpunkte. Prüfe mindestens drei Fragen:
- Körperliche Ursachen: Kann eine organische Erkrankung die Symptome erklären, etwa eine Schilddrüsenüberfunktion bei Angst und Unruhe?
- Substanzen: Spielen Alkohol, Drogen, Medikamente oder Koffein eine Rolle?
- Ähnliche Störungsbilder: Welche anderen Diagnosen kommen infrage und warum passen sie schlechter?
Schritt 5: Komorbidität und Begründung
Prüfe, ob zusätzliche Diagnosen nötig sind. Komorbidität ist bei psychischen Störungen häufig. Formuliere dann eine kurze, zusammenhängende Begründung. Wenn gefragt, schließt du mit einem Behandlungsvorschlag, der zum Störungsmodell passt.
Ein kurzes Beispiel
Frau K., 34 Jahre, berichtet von plötzlichen Anfällen mit Herzrasen, Atemnot und der Angst zu sterben. Der erste Anfall trat vor fünf Monaten in der S-Bahn auf. Seitdem meidet sie öffentliche Verkehrsmittel und volle Geschäfte und fährt nur noch mit ihrem Partner zur Arbeit. Eine internistische Abklärung war unauffällig.
- Leitsymptome: wiederkehrende Panikattacken, Erwartungsangst, Vermeidung von Situationen, aus denen Flucht schwierig ist.
- Dauer und Beeinträchtigung: fünf Monate, Einschränkung im Arbeitsweg und Alltag.
- Hypothese: Panikstörung und Agoraphobie.
- Differenzialdiagnose: körperliche Ursache laut Vignette ausgeschlossen, Substanzkonsum erfragen, soziale Angst unwahrscheinlich, weil die Angst nicht auf Bewertung durch andere bezogen ist.
- Begründung und Behandlung: KVT mit Psychoedukation zum Teufelskreis der Angst und Exposition gegenüber Körperempfindungen und gemiedenen Situationen.
Weiterlernen
Störungsbilder, Diagnostik und Behandlung findest du im Prüfungspaket Klinische Psychologie mit den Skripten Klinische Psychiatrie, Klinische Psychologie & Psychotherapie und Testtheorie & Diagnostik. Die Fachbegriffe für Schritt 1 erklärt der Artikel Psychopathologischer Befund nach AMDP, die Grundlagen zu Angst der Artikel Angststörungen im Überblick.
Häufige Fragen
Muss ich ICD-11 oder DSM-5 verwenden?
Das hängt von deiner Lehrveranstaltung ab. Viele Hochschulen arbeiten inzwischen mit der ICD-11, manche Lehrbücher noch mit dem DSM-5. Kläre das vor der Klausur.
Was mache ich, wenn in der Vignette Informationen fehlen?
Schreib auf, welche Informationen du für eine sichere Diagnose noch erfragen würdest. Das zeigt diagnostisches Denken und bringt häufig Teilpunkte.
Wie viele Differenzialdiagnosen sollte ich nennen?
Zwei bis drei gut begründete reichen meist. Eine lange Liste ohne Begründung bringt weniger als wenige sauber abgegrenzte Alternativen.